Interview

Auszüge aus einem Gespräch zwischen Carina Plath und Gustav Metzger, London, 27. April 2007:

CP: Herr Metzger, können Sie erläutern, wie die Idee für das Projekt in Münster entstanden ist?

GM: Das hat mit dem Katalog der Skulptur Projekte von 1997 zu tun, in dem Walter Grasskamp schreibt, dass die Zerstörung von Münster eine Reaktion der britischen und amerikanischen Regierungen auf die Zerstörung von Coventry durch die deutsche Luftwaffe war. Das brachte mich auf die Idee, mit dieser zerstörten Stadt zu arbeiten und durch dieses Projekt an die Vergangenheit zu gemahnen mithilfe der Steine, die man Tag für Tag in der Stadt verteilt. Die nächste Idee war, dass man dieselben Prinzipien nach Coventry bringen könnte, um somit eine Verbindung zwischen zwei Städten und zwei Ländern zu schaffen.

CP: Verstehen Sie sich als Bildhauer?

GM: Eigentlich nicht. Nur arbeite ich in meinen Installationen für gewöhnlich in drei Dimensionen. Hätte ich es zu entscheiden, würde ich mich eher als Maler bezeichnen, was mit meiner Entwicklung zu tun hat. Ich habe viel mehr Bilder gemalt als Skulpturen gemacht in meinem ganzen Leben. Meine Bilder waren figurativ und abstrakt, mit einem Einfluss vom Surrealismus. Das habe ich allerdings aufgegeben, als ich das Manifest der Autodestruktiven Kunst geschrieben und mich dann auf die Entwicklung der Autodestruktiven Kunst konzentriert habe, was gleichzeitig auch kinetische Kunst beinhaltet, beide gehen Hand in Hand. Allerdings sind die Autodestruktiven Monumente für mich das Wichtigste, und die sind natürlich Skulptur. Nur wurden sie leider nie realisiert und existieren nur als Modelle.

CP: Was war der Auslöser für das erste Manifest der Autodestruktiven Kunst 1959?

GM: Meine ganze Entwicklung seit der Kindheit. Das Erlebnis der »Reichskristallnacht«, in der der übrig gebliebene Rest meine Familie die brennende Synagoge sah. Wenn das nicht Zerstörung ist, was ist es dann? Synagogen, die man beinahe täglich betreten hat sein ganzes Leben lang. Man brauchte uns nicht zu erklären, was da vor sich ging.

CP: Zerstörung, das ist einerseits die Erinnerung an den Krieg, aber es ist ja auch ein sehr starkes anti-bürgerliches Moment, das direkt an Dada und ähnliche Aktionen erinnert. Wenn Sie ein Monument schaffen, das dann zerfällt, wird die Zerstörung doch als Produktion eingesetzt.

GM: Genau, das ist es. Und das ist so häufig missverstanden worden. Wenn man nur an Zerstörung denkt, verliert man so vieles, das immanent ist in der theoretischen Arbeit, die dem vorausgegangen ist oder auch in der Realisation des Werkes. Man sollte eher an einen Wasserfall denken, bei dem Wasser wiederholt ineinander fließt, wo eine Zerstörung der Form stattfindet, eine Verschiebung oder Transformation der Form. Das ist der Sinn der Autodestruktiven Kunst, diese Transformation zu schaffen und den Leuten anzubieten.

CP: Man kann Ihr Projekt für Münster einerseits so verstehen, dass es auf Zerstörung basiert und eine Art Mahnmal ist. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch wie eine kinetische Plastik in der Stadt, die wächst, und die allerdings nach 107 Tagen auch wieder verschwunden ist. Das sind alles Aspekte, die auch in der Autodestruktiven Kunst von Ihnen beschrieben werden. Da stellt sich für mich die Frage nach der Zukunftsperspektive. Man könnte es auch so verstehen, dass jemand, der persönlich sehr stark vom Zweiten Weltkrieg betroffen war, die Jugend daran mahnen will, dass dieser Krieg stattgefunden hat.

GM: Kunst als Mahnung, ja genau, das ist ein Teil der Autodestruktiven Kunst und da komme ich zurück zum Krieg, den ich durchlebt habe. Abgesehen davon, was die Deutschen in den Konzentrationslagern gemacht haben, abgesehen von den verbrannten Städten überall, Hiroshima und Nagasaki noch dazu. Das war eben meine Kindheit und Jugend, wie auch mein Erwachsenwerden. Das alles hat sich verbunden mit der Notwendigkeit, durch Kunst etwas auszudrücken, eine Leistung zu liefern, die in Relation gegenüber der Welt bestehen kann. Das bedeutet für mich, sich der Geschichte zu stellen.

CP: Ich sehe in Ihrem Projekt für Münster einige Verbindungen zur Autodestruktiven Kunst durch den Zufallsgenerator und die lose Form, die nach und nach wächst. Aspekte einer kinetischen Plastik werden durch den Gabelstapler erreicht, der sich durch die Stadt bewegt, was ja auch zu der Skulptur gehört. Diesen grundsätzlichen Gedanken, einer Stadt ein Denkmal zu geben, das sie als solches nicht benützen kann, weil es am Ende wieder verschwindet und weil es keinen Wert im bürgerlichen Sinne hat, finde ich außerordentlich interessant.

GM: Ja das stimmt, das ist alles relevant. Zentral ist für mich, dass die junge Generation sich nicht mehr mit diesen Dingen beschäftigt. Diese Leute sind nicht an der Geschichte interessiert, aber ich möchte sie durch diese Arbeit dazu bringen, darüber nachzudenken, um dadurch vielleicht etwas zu verändern in ihrer Lebensweise. In diesem Sinne ist es auch eine Art Mahnmal an die Jugend.

CP: Es wird viele erstaunen, dass jemand mit Ihrer Biographie sich sehr stark um die »Täter« sorgt. Da man erwarten würde, dass Sie eher eine Arbeit zur jüdischen Bevölkerung Münsters machen würden.

GM: Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist einfach wichtig. Ich bin sehr dafür, dass man Abkehr nimmt von der Schuldhäufung auf Deutschland oder Japan. Ich befürworte jeden Versuch, die Geschichte aufzuarbeiten.

CP: In dieser Hinsicht ist die Arbeit nicht nur retrospektiv sondern auch als Perspektive formuliert, im Sinne der Aussöhnung und nicht nur ein Gedenken an ein historisches Ereignis.

GM: Ja, das ist der Versuch, auf jeden Fall.